Die Grundlage zum Diskurs

Die Grundlage zum Diskurs

Der Werteraum "Gute Führung" wurde mit dem von Prof. Peter Kruse und seinem Team bei nextpractice entwickelten Untersuchungsansatz nextexpertizer erstellt. Die im Werteraum ersichtlichen Ergebnisse bilden die Grundlage für den weiterführenden Diskurs zu "Was zeichnet neue Führung aus?"
0

„Es gibt so viele Meinungen, wie es Menschen gibt.“
Mo Ti (Chinesischer Philosoph 472 - 391 v.Chr.)

Manche Fragen haben die Eigenschaft, in besonderer Weise die Tür zu einer kaum zu bewältigenden Reichhaltigkeit von Sichtweisen und Bewertungen aufzustoßen. Die Frage „Was ist gute Führung?“ gehört zweifelsfrei dazu. Auch in der vorliegenden Studie nehmen die Befragten zum Thema verschiedenste Perspektiven ein. Doch hinter der Vielfalt drängen sich schnell verbindende Zusammenhänge auf. Einigkeit besteht bei der Einschätzung ländertypischer Führungsstile und bei der Bewertung der Führungspraxis in Unternehmen unterschiedlicher Größenordnung.

Menschen sind offenkundig in der Lage, unter der Oberfläche vielfältiger Meinungen treffsicher verbindende kulturelle Muster zu erkennen. Der Zugang zu den kulturellen Tiefenschichten hilft ihnen Komplexität zu verringern und erhöht die Wahrscheinlichkeit für synchronisiertes Handeln. Es spricht viel dafür, dass die Wahrnehmung dieser vereinfachenden Kulturmuster weitgehend unbewusst verläuft. Kultur prägt unser Verhalten direkt und ohne Vermittlung über rationale Einsichten. Wir erkennen mehr als wir begreifen.

Das speziell für die Erfassung von Kulturmustern entwickelte Interviewverfahren „nextexpertizer“ verbindet die qualitative Aussagekraft frei geführter Interviews mit der quantitativen Auswertbarkeit standardisierter Fragebögen. Die damit erhobenen Studien analysieren die Situation nicht wie sonst üblich auf der Basis vorgegebener und aus theoretischen Annahmen abgeleiteter Antwortkategorien, sondern über ungestützte Beschreibungen derjenigen Experten, die die intensivste Erfahrung mit dem entsprechenden Thema haben. Es geht darum, herauszufinden, welche unbewussten Wertvorstellungen das Handeln in dem Untersuchungsfeld bestimmen, wie bisherige Entwicklungen bewertet und zukünftige Herausforderungen eingeschätzt werden.

Ein einzelnes Interview dauert zwischen eineinhalb und zwei Stunden pro Auskunftsperson. Jede Führungskraft beschreibt dabei frei und mit ihren eigenen Worten so viele inhaltliche Dimensionen (Konstrukte), wie sie im Kontext von guter Führung für bedeutungsvoll und aussagekräftig erachtet. Auf Basis der selbst gewählten begrifflichen Unterscheidungen ordnen die Führungskräfte zügig und ohne langes Nachdenken sowohl die Entwicklung der Führungspraxis als auch die Entwicklung der Führungsanforderungen in Deutschland ein und bewerten zusätzlich eine Auswahl relevanter Führungsstile, Organisationsformen und Managementinstrumente (Elemente). So entsteht nach und nach eine Matrize aus Elementen in den Spalten und Konstrukten in den Zeilen, die über viele hundert Einzelentscheidungen miteinander verbunden sind (s. Bertin-Matrize).

Aufgrund der Menge der Antworten und der fehlenden Rückmeldung des Interviewverlaufes kann das Gesamtbild der Zuordnungen von den Interviewten nicht absichtlich gesteuert werden. Die Matrizen bilden die unbewussten Wertvorstellungen und Deutungsmuster der befragten Personen über die in ihr gespeicherten Wechselbeziehungen zwischen Elementen und Konstrukten ab. Durch eine Eigenstrukturanalyse (ESA) lässt sich aus den spontan hergestellten Relationen ein mehrdimensionaler Raum errechnen, der die intuitive Sichtweise einer Auskunftsperson widerspiegelt. Profilähnlichkeiten und -unterschiede in einer Einzelmatrize wandeln sich in leicht zu interpretierende Raumdistanzen (Single-ESA). Anschließend werden die verschiedenen individuellen Bedeutungsräume zu einem Gesamtbild verdichtet, das die übergreifenden Kulturmuster sichtbar werden lässt (Multi-ESA). Jedes Einzelinterview fungiert dabei als ein Messpunkt zur Bestimmung der kulturellen Großwetterlage. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.

Bei Wettervorhersagen erlaubt bereits die Erfassung des Luftdrucks, der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit an wenigen hundert Orten einer Region eine erstaunlich hohe Prognosegenauigkeit. Bei einem Elektroenzephalogramms (EEG) reichen ca. zweihundert Ableitpunkte aus, um sich ein Bild von der Dynamik vieler hundert Milliarden Nervenzellen im Gehirn zu machen. In vergleichbarer Weise erlauben schon einige hundert qualitative Interviews die durchaus aussagekräftige  Erfassung kultureller Musterbildungen.

Es geht nicht um die Verteilung individueller Unterschiede in einer Grundgesamtheit, sondern um das ganzheitliche Wertegefüge, das die Handlungen der Menschen in einer sozialen Gemeinschaft synchronisiert. Eine Schätzung der Verteilung individueller Bewertungsunterschiede setzt statistische Repräsentativität und eine große Zahl von Einzelbefragungen voraus. Die auf den ungestützten Aussagen der 400 interviewten Führungskräften basierenden Studienergebnisse, die im Folgenden dargestellt und interpretiert werden, beanspruchen zwar keine statistische, aber eine hohe inhaltliche Repräsentativität und eignen sich aufgrund ihrer Praxisnähe sehr gut als Verständnishintergrund für die Reflexion der Führungskultur in Deutschland.

Dateien zum Artikel: